Stellungnahme zur Dokumentation "Babo – Die Haftbefehl-Story"
Abschreckung ist keine wirksame Suchtprävention
Die aktuelle Präventions- und Wirkungsforschung zeigt jedoch eindeutig: Abschreckung ist nicht dazu geeignet, Substanzkonsum und Suchterkrankungen vorzubeugen. Dieser Ansatz ist wissenschaftlich widerlegt, teilweise kontraproduktiv und nicht mehr zeitgemäß. Zum einen üben Abschreckung und emotionale Botschaften gerade auf eine junge Zielgruppe, die von Risiko und neuen Erfahrungen angezogen wird, eine gewisse Faszination aus. Zum anderen verstärken breitgestreute Informations- bzw. Abschreckungskampagnen die normative Wahrnehmung: Botschaften, die das Problem besonders groß darstellen, vermitteln Jugendlichen den Eindruck, dass Substanzkonsum weit verbreitet und damit „normal“ ist. Die Prävalenzzahlen zeigen jedoch das Gegenteil: Der Großteil der jungen Menschen konsumiert nicht. Der Konsum illegalisierter Substanzen ist nicht die Norm.
Moderne Suchtprävention – wirksam und evidenzbasiert
Zeitgemäße Suchtprävention orientiert sich an wissenschaftlichen Erkenntnissen und internationalen Qualitätsstandards (siehe z. B. European Prevention Curriculum (EUPC)). Sie arbeitet ursachenorientiert, indem sie Risikofaktoren reduziert und Schutzfaktoren stärkt und so die Entwicklung von Abhängigkeitserkrankungen und problematischen Konsummustern verhindert.
Zentrale Ansätze bei jungen Menschen sind die Förderung von Lebenskompetenzen, um beispielsweise funktionale Bewältigungsstrategien – sowohl hinsichtlich der eigenen Emotionen als auch im sozialen Kontext – zu entwickeln, sowie die Stärkung von Risikokompetenz ab dem Jugendalter für einen verantwortungsvollen Umgang mit Substanzen und riskanten Verhaltensweisen.
Haftbefehl im Unterricht?
Die Dokumentation "Babo – Die Haftbefehl-Story" ist demnach kein geeignetes didaktisches Mittel zur Suchtprävention. Dafür wäre eine fachliche Einordnung und begleitende Auseinandersetzung durch externe Expert*innen aus dem psychosozialen Bereich mit Schwerpunkt Suchtprävention erforderlich. Diese Ressourcen sollten jedoch in erster Linie für bereits etablierte und wirksame Präventionsmaßnahmen genutzt werden.
Fragen zu Wirkungen, Risiken und Folgen von Suchtmittelkonsum sowie die Reflexion von Konsumverhalten und -motiven sind im Unterreicht zwar relevant, müssen aber immer im Bezug zur Lebenswelt der Schüler*innen stehen. Zudem erzielen isolierte Einzelmaßnahmen im Bereich Prävention weder nachhaltige noch die erhofften Effekte. Positive Reaktionen von Jugendlichen – wie „Es hat uns gefallen“ oder „Das ist krass“ – sind kein Beleg für Wirksamkeit.
Wirksame Suchtprävention ist langfristig angelegt, in den Schulalltag und die Schulstrukturen integriert und verzichtet auf emotionalen Aktionismus oder voyeuristische Elemente.
Probierkonsum als Teil normaler Entwicklung
Das Ausprobieren von Substanzen kann im Jugendalter aus entwicklungspsychologischer Sicht normales Verhalten sein und Teil des Prozesses, eine eigene Haltung zum Konsum von Nikotin, Alkohol oder illegalisierten Substanzen zu finden. Der rechtliche Status spielt dabei oft eine geringere Rolle als die gesellschaftliche Akzeptanz und das sozio-kulturelle Image. Konsum in dieser Lebensphase steht meist im Zusammenhang mit typischen Entwicklungsaufgaben wie dem Umgang mit Stress und Emotionen, dem Bedürfnis nach neuen Erfahrungen, erhöhtem Risikoverhalten und dem Einfluss von Peers. In den meisten Fällen handelt es sich um Probierkonsum, der nicht mit problematischem Konsum gleichzusetzen ist und sich in der Regel nicht zu einer Substanzgebrauchsstörung entwickelt.
Dennoch ist es wichtig, auf das Thema einzugehen und in dieser Altersgruppe generell auf seriöse, qualitätsgesicherte und fachlich fundierte Angebote der Suchtprävention sowie der psychosozialen Gesundheitsförderung zurückzugreifen.
Gerne beraten wir Sie dazu, welche Angebote für Sie und Ihre Jugendlichen sinnvoll und wirksam sind.
Sie erreichen uns unter:
Institut für Suchtprävention der Sucht- und Drogenkoordination Wien gemeinnützige GmbH
Tel.: 01/4000-87338
E-Mail: isp@sd-wien.at
Website: https://sdw.wien/angebot/praevention
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